Halloween auf Burg Frankenstein

Seit den 70er Jahren findet auf der Burg Frankenstein südlich von Darmstadt zu Halloween eine entsprechende Festivität statt. Damit haben die in der Gegend stationierten US-amerikanischen Besatzungstruppen mal angefangen und heute wird es als eins der größten Festivals in Deutschland bezeichnet.
Die Lokalität passt natürlich. Eine halbverfallene Burg auf einem Berg, mit dem passenden Namen.
Die Zufahrt war gesperrt, man wurde aus dem nahen Pfungstadt mit Shuttlebussen hoch- und später wieder runtergefahren.
Und diese Busse wurden voll gemacht. Sehr voll.
Da gab’s bei den Leuten mit Stehplätzen dann ein großes Hallo auf der, sich in Serpentinen den Berg emporwindenenden Straße.
Wir saßen zumindest bei der hinfahrt und hatten uns immerhin alibimäßig entsprechende Dinge in die Gesichter gemalt. Eine Menge Leute waren allerdings mehr oder weniger verkleidet. Das Spektrum ging von Hut und/oder Umhang, bis hin zu völliger Verkleidung mit blutig-klaffenden Wunden an Köpfen.
Nachdem der Bus die Absperrung der Zufahrtsstraße passiert hatte, löschte der Fahrer schon mal das Licht.

Unten auf dem Parkplatz hatten wir schon warten müssen – oben vor der Burg gab’s eine neue Schlange.
Dort hatte man auch schon zwei abgerissene Bettler postiert, die laut wehklagend durch die Menge zogen.
Der Grund für die Warteschlange wurde später langsam sichtbar.
Am Eingang wurde kontrolliert. Verboten waren laut Ankündigung und Kartenaufdruck schon allerhand Dinge. Unter anderem Waffen, Schirme, Getränke, Sprühdosen, etc.
Zum einen natürlich um irgendwelchen Gewalttaten vorzubeugen. Außerdem wollten die Veranstalter Bier und Würstchen verkaufen.
Der Besucherstrom wurde geteilt, Taschen mussten vorgezeigt werden. Verbotene Gegenstände wurden hier entnommen und ihrer Vernichtung zugeführt. Irritierend, wie viele Leute mit irgendwelchen Deos und sonstigen Sprühdosen rumlaufen.
Dann wurde man mit einem Metalldetektor kontrolliert und im Zweifelsfall von einem gleichgeschlechtlichen Securitybediensteten abgetastet.
Dann noch durch ein Drehkreuz (vermutlich zur Zählung) und der Spaß ging los.

Dieser Spaß bestand zunächst einmal aus Gedränge. Es war unfassbar voll. Schon im Vorhof der Burg. Dort hatte man die Fress- und Saufzelte aufgebaut. Am Torturm zum eigentlichen Burggelände wurde dann kontrolliert, auf dass man nichts zum fressen oder saufen mitführte.
Und es wurde immer voller. Immer mehr Menschen drängelten sich auf immer weniger Platz.
Das Gelände teilte sich grob in zwei Bereiche: Der innere Teil mit der Burg sowie ihrem Hof und der äußere Teil der den Raum zwischen Burg und Burgmauer ausmachte. Insgesamt waren drei oder vier ‘Bühnen’ oder ‘Veranstaltungsorte’ ausgewiesen, an denen zu festgelegten Zeiten Gruselkram aufgeführt wurde.
Der äußere Teil war mitunter mit allerlei Bewuchs versehen, dort sprangen ab und zu finstere Gestalten aus dunklen Ecken und erschreckten die Leute. Es gab auch einen Teich in dem ein Wasserungeheuer rumlätscherte und mit Wasser um sich warf, einen halb ausgegrabenen Sarg mit entsprechenden Vampirpersonal etc.

Die Veranstalter sprachen von 3000qm und 99 ‘lauernden Monstern’.
Theoretisch war das alles gut ausgedacht.
Praktisch hatte man mindestens dreimal so viele Karten verkauft, wie der Sache dienlich gewesen wären.
Wenn sich die Menschen wie ein vielfüßiger Wurm und unter Ausnutzung des möglichen Platzes zwischen den Wegbegrenzungen entlangschieben…also Erschrecken funktioniert der Sache nach primär dadurch, dass man überrascht wird. Weil plötzlich jemand aus einer dunklen Ecke springt. Weil plötzlich ein Geräusch neben/hinter einem ertönt. Sowas in der Richtung.
Wenn ich aber sehe, dass vor mir ein Erschrecker rumhampelt und ich durch die Geschwindigkeit der sich fortbewegenden Menge seinem Treiben zwangsläufig einige Minuten lang zusehe…da werde ich mich nicht mehr erschrecken, wenn er vor mir steht.
Und so war es eigentlich immer und überall.
Die Leute standen dicht an dicht. Irgendwelche Überraschungsmomente hatten Seltenheitscharakter. Die wenigen Schrecksekunden konnte man als Besucher noch erleben, wenn man von hinten irgendwie angegangen wurde. Das war auch vorgesehen – diverse Gestalten strichen kreuz und quer durch die Menge. Natürlich langsam weil auch sie nicht besser vorankamen als die Besucher. Und natürlich wussten dann alle in einem größeren Umkreis, dass da grad jemand unterwegs war. Bis hier wieder frische und unwissende Besucher entlangkamen, verging eine Zeit.
Mit der großen Menschenmenge ging natürlich ein gewisses Schieben und Drücken einher. Die Leute benahmen sich teilweise wie…ja…man findet keine Worte, weiß aber danach, wie Massenpaniken mit Todesopfern entstehen.
Da wird geschoben und gedrängelt obwohl deutlich erkennbar ist, dass es da vorne eben jetzt mal nicht weitergeht. Weil ein Tor zu ist, dort eine Absperrung steht oder sonstwas.

Ganz groß in diesem Kontext auch die Raucher. Natürlich nicht alle, aber ein paar reichen schon. Welche Knalltüten müssen sich in einer Menschenmenge die aneinandersteht wie die berüchtigten Sardinen in der Fischdose, eine Zigarette anzünden? Vom Ascheflug, der zwangsläufig auf Dritten endet, bis zu Brandlöchern in Jacken und Hosen. So doof kann man doch gar nicht sein. Ich lauf doch auch nicht mit einem Luftballon durch einen Kaktuswald.
Ich habe nichts gegen Raucher, wenn sie mich nicht vorsätzlich beeinträchtigen. Mal Rauch einzuatmen, ist auf öffentlichen Freiluftveranstaltungen kein Drama. Bei Brandlöchern hört der Spaß aber auf.

Nachdem wir eine halbe Stunde am ‘Folterturm’ anstanden, kamen wir in den zweifelhaften Genuss einer Foltervorführung. Die Sache fand wirklich in der Ruine eines Turmes statt. Die Mauern standen noch ein paar Meter hoch, entsprechend des kleinen Grundrisses wurde immer nur eine begrenzte Anzahl Leute reingelassen.
Drei monströse Folterknechte griffen sich zunächst einen Zuschauer, spannten ihn auf eine Streckbank und streckten dann ein bisschen. Das wirkte schon ziemlich echt. Dann schnappten sie eine andere Zuschauerin, eine junge Frau in Jeans und T-Shirt, und fesselten sie mit dem Gesicht nach vorne an ein großes ‘X’ aus Holzbalken.
Sie wurde dann mehr oder weniger fest mit einer Peitsche traktiert und schrie. Das war dann doch schon ein bisschen merkwürdig. Die gingen ganz schön weit, die Foltermonster. War das noch Spaß oder schon Ernst?
Zwischendrin deutete man bei dem Gestreckten den Gebrauch verschiedenener Folterwerkzeuge an. Und zog ihm mit einem Ruck die Unterhose weit nach oben. Das war ein bisschen albern.
Dann riss einer der Folterer das T-Shirt der Gefesselten hinten vom Halsausschnitt bis fast nach ganz unten auf. Ein anderer schwang wieder die Peitsche, diesmal mit roter Farbe getränkt. Auf dem nackten Rücken der jungen Frau erschienen also rote, ‘blutige’ Streifen. Ab hier wusste man dann, dass sie dazugehörte. Sie wand sich und schrie ein bisschen, wurde dann umgedreht und hing dann da so an den Balken rum. Aus dem Mund quoll eine rote Flüssigkeit.
Auch hier theoretisch gut, praktisch wirkte die Vorführung teilweise durch die Akteure sehr albern und unernst.

Auf der Hauptbühne sahen wir noch zwei blut- und grusellastig intendierte Vorführungen mit anschließendem Tanz von etlichen Monstern zu Michael Jacksons ‘Thriller’. Das war der Höhepunkt einer Veranstaltung, die durch ihre groteske Überfüllung mit Besuchern ansonsten auf ein eher mittelmäßiges Niveau runtergezogen wurde.

Der Grund für die viel zu große Menge an verkauften Karten ist natürlich klar. Die Kosten müssen wieder rein. (Vielleicht muss auch eine vorgegebene Summe an Gewinn erwirtschaftet werden.)
Und Kosten gab es sicherlich jede Menge:
Für die Nutzung der Burg.
Für den Busshuttle (mit etlichen Bussen).
Für die Nutzung des Gewerbegebietes als Parkplatz und Startpunkt der Busse.
Für die Security.
Für die Kostüme.
Für die Erschrecker.
Für die Dekoration (die ganze Burg war vollgestellt mit Zeug).
Für Kunstblut.
Für technische Einrichtungen (und die Bediener derselben).
Für Versicherungen gegen Personen- und Sachschäden.

Rauszufinden, wie hoch der Preis (bei Gewährleistung eines ausreichenden Andranges und entsprechenden Einnahmen) sein kann, ist sicher nicht einfach.
Wäre hier aber zur Regulierung durchaus angebracht..

Ich jedenfalls, werde nächstes Jahr nicht nochmal hingehen.

Ein Gedanke zu „Halloween auf Burg Frankenstein

  1. Kerstin

    Ich bin dieses Jahr (2011) das dritte Mal auf Burg Frankenstein gewesen. Bis letztes Jahr hätte ich Deiner Kritik wiedersprochen – wahrscheinlich hatten wir einfach Glück. Dieses Mal allerdings gab es keine Möglichkeit, sich einigermaßen frei zu bewegen – an allen Engstellen wurden die Massen durchgequetscht.
    Der Verweis auf die Love Parade fiel mehr als einmal – dazu war auch das Sicherheitspersonal (angeblich) ohne gegenseitige Funkverbindung ausgestattet.
    Fazit – nie wieder!

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